bars oder cafés haben oft etwas von einem bahnhof. mit einer eigenartigen ästhetik öffnen sie ihre türen, servieren kaffee, schnaps, cocktails, bier. die pendler, jene die einen kurzen halt machen, bevor sie nach hause oder zur arbeit weiterreisen. längst weiß man, was sie trinken. einen schwarzen kaffee, eine cola? ja bitte. namen vergisst man, und 15 minuten täglich sind auch nicht genug um einen menschen kennenzulernen. aber man merkt sich, was getrunken und gegessen wird. eine unlogische, fast absurde aber letzendlich zweckmäßige errungenschaft.
selten arbeiten menschen ihr ganzes leben an diesen bahnhöfen. für die meisten ist die gastronomie nur eine station, die leichteste möglichkeit an geld zu kommen. ein job, der gerade ok ist.
das kleine lokal ist nicht heruntergekommen. die preise sind normal, manchmal zu teuer manchmal nicht. der tag spült menschen herein, manche wecken ein ekelgefühl, manche sind normal, unaufregend, aber freundlich. manche wollen reden, andere schweigen.
nach einigen minuten weiß s. was sie möchte. eine weinschorle, weiß und sauer. sie kommt, um nachzudenken, um alleinzusein. sie wird nicht hierbleiben, nach etwas über 15 minuten wird sie mich anlächeln. "ciao. und danke"
s. erzählt mir von ihrer zeit als kellnerin. " irgendwann kannte mich die ganze stadt." irgendwann fühlte s. sich nicht mehr allein, sondern verfolgt, beobachtet. jeder glaubt sie zu kennen. immer lächeln, immer nett. oberflächlichkeit, flüstert s. ich spüle die gläser. s. sieht mich an, jetzt ist sie altenpflegerin. "eigentlich mag ich keine berührungen. dachte ich. aber jetzt wenn, mich diese alte frau in den arm nimmt, und sie küsst mich auf die stirn weißt du, das ist schön. es fühlt sich sinnvoller an." s. streicht ihre strähnigen, blondierten haare aus dem gesicht. auf der straße hätte ich längst das falsche urteil über sie gefällt. hier nicht. die falten auf ihrer stirn vertiefen sich und sie greift nach der grauen strickjacke. "ciao. und danke." sie hat eine rauchige stimme, dunkel, klangvoll und schön. "ciao".
wenn es später wird, sind die pendler längst zuhause, die durchreisenden. was bleibt sind die haltlosen, die die bleiben werden, um zumindest hier zu finden, was sie suchen. den vermeintlichen halt, die erkaufte freundlichkeit. ihre namen kennen wir. sie bedeuten ein gutes trinkgeld für einige sätze, hin und hergeworfen zwischen schnaps und bier.
c. hat lange dunkle haare, zusammengebunden zu einem pferdeschwanz, ein spruch shirt. er riecht nach schweiß. sexuelle andeutungen werden fallengelassen. am anfang war ekel, jetzt prallen sie ab. ich hole eine neue flasche jägermeister. c. bestellt "männer", wie immer, jägermeister 4 cl mit überschank, c. ist stammgast. wie in einem theaterstück nehmen alle ihre rollen an. ich lächele, die kellner werfen belanglosigkeiten durch den raum. wir funktionieren. in vielleicht zwei stunden wird c. gehen. vielleicht wird er glücklicher, oder zumindest weniger nachdenklich sein.
am nächsten tag, samstag kommt c. 10 stunden zu früh. es ist 12 uhr, c. wirkt aufgeräumt. als er sich zu mir dreht hält er ein kleines mädchen im arm. er sieht mich an, ungewohnt, verlegen, nicht offensiv. "hast du was süßes?" er räuspert sich. "für die kleine." eine tüte gummibärchen. das mädchen mit den dunklen haaren strahlt. "sag doch danke.", sagt ihr c. das kleine mädchen schweigt. "ach wie sollst du es auch lernen", sagt c, "wenn dein papa den ganzen tag ein rüpel ist." c. streicht ihr über den kopf. die kleine lächelt. "deine tochter?" ich klinge verwunderter als ich wollte. c. sieht mich an. ein räuspern. "nein, sie ist das kind von meiner freundin." ich nicke. als ich mich umdrehe senkt c. die stimme. "aber ich bin jetzt ihr papa. und sie ist meine prinzessin."
es ist mein letzter tag hier. und ich werde das kleine lokal nicht vermissen. am anfang war es schwer zu funktionieren, jetzt belastet es mich manchmal. ich bin offen und nett, aber trage eine dicke schale. was nach einem widerspruch klingt, ist lediglich die erste regel der gastronomie.
die menschen sind gekommen und gegangen. manchmal war es schwer mit ihnen zu reden oder mit ihnen zu schweigen. heute gehe ich. ich habe keine freunde gefunden, ich werde hier niemanden vermissen. aber ich habe menschen gefunden, und begriffen sie als solche zu sehen. manche wirkten wie klischees, andere waren es von anfang an nicht. aber fast immer wurden sie im laufe eines abends oder einer nacht zu menschen.
"ciao. und danke."
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