leichtigkeit



als x zurücksah, sah sie die spuren ihrer schritte. sie waren hastig gesetzt, wie die eines gehetzten tieres. soweit sie sehen konnte war sie nie stehengeblieben. überhaupt, hatte sie -mit gesenktem kopf laufend-  ihre umgebung keines blickes mehr gewürdigt. x sog gierig luft in ihre lungen. erst jetzt merkte sie, dass sie atemlos gewesen war. die helligkeit um sie herum blendete x. sie kniff die augen zusammen. das gefühl eines plötzlichen druckwechels. x wurde schwindelig. plötzlich hatte sie den beklemmenden eindruck, etwas würde sich von ihr lösen. x presste die hände gegen den bauch. das schwindelgefühl nahm zu. x holte tief luft, sie hatte fast vergessen, wie kalt und klar luft sein konnte. die atemzüge der letzten monate, wochen, tage und stunden waren flach und kurz gewesen.


x war kein gläubiger mensch. sie war ein zweiflerin, sie hasste die verlogenheit des konsens einer definition. x hasste die heuchlerische romantisierung von freiheit. freiheit war nicht automatisch glück, und freiheit in einer welt des überflusses und der profilierungssucht eine verlorene definition, eine lüge der könige. wenn andere von liebe, moral, freiheit, harmonie und perfektion sprachen, dann betrachtete sie sie mit dem gleichen, etwas verachtenden, mitleidsvollen, neidischen blick mit dem sie die gottesanbeter/innen versah, vielleicht weil sie in den definitionen nicht mehr als die götter der gegenwart vermutete. nur manchmal beschlich sie das gefühl des zweifels, und nichts hasste und fürchtete sie mehr als das. auf einmal waren die säulen, auf denen sie ihre große philosphie aufgebaut hatte hoffnungslose hommagen an ein verlorenes ich-ideal.


das einzige, woran x glauben konnte war das existente, das augenblicklich gefühlte. 

was x den atem geraubt hatte, war die leichtigkeit. die bedeutunglosigkeit. die abwesenheit des schweren. die augenblickliche klarheit über die schönheit des seins. ein sinn für ästhetik und einfachheit, den sie im endlosen karussell des theoretisierens  fast verloren hatte. in der inszenierung der theorie, in schillernden paralleluniversen hatte sie vergessen, was das jetzt bedeuten konnte. aber hier war sie, die unglaubliche schönheit. die leichtigkeit des seins. und trotz all den flüchtigen geistigen scheinwelten der eigentliche grund zu leben. 

x konnte sich nicht mehr erinnern, wann ihr das letzte mal bewusst gewesen war, wie es sich anfühlte. sie glaubte nicht an die freiheit, nicht an das glück. nicht an die absolute definition. aber x glaubte an den augenblick, in dem sie sich frei fühlte, in dem sie sich glücklich fühlte.

an die abwesenheit der gedanken, die zuließ, dass das absolute gefühl für einen moment ihre gesamte existenz einnahm.

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pictures: (1) by christopher little via, (2) "flock of triangles" by ktinka via, (3) by lina scheynius via

2 kommentare:

  1. ja, ich leide wie X, irgendwie wird es mir auch leicht gemacht auf meinem bildungsweg. dein text hat meinen drang zu mehr jetztfühlen konkretisiert. und ich dachte immer, dass die momenthaften lebensweisen so verhetzt wären, wie du die theoretisierende im ersten abschnitt beschreibst.
    schade nur, dass unsere kultur so viel wert darauf legt, so viel mehr zu fordern als den moment. oder den moment überfordert.
    ich glaub ich schreib da ein gedicht dazu, du muße und gedankenleaderin!

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  2. ich frage mich wievele leute beim durchlesen gedacht haben das sie X sind...

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